1968 - Bettelhochzeit

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1968

Tradition

Hoch lebe das Bettelpaar: Borisiana vo da Hofburg und Naziliki vo da Hirschau

Die Trauung auf dem Misthaufen

Mit einer Hand zog die starke Braut den sich heftig stäubenden, einen Kopf kleineren Ehemann auf ein Gerüst, das über einen Misthaufen errichtet worden war. Dann quetschte sie nach heftiger Massage das Ja-Wort aus ihm heraus. Dem armen Mann blieb nichts anderes übrig, denn sonst hätte das Misthaufengerüst wahrscheinlich zu einer Hinrichtung gedient. Für ihn gab es nur die Alternative: Heirate oder stirb. Der Mann heiratet. Aber bis es dazu kam wurde bei der Emmeringer Bettelhochzeit soviel gelacht wie kaum zuvor in diesem Fasching.


Schon ab Sonntagmittag waren in Emmering fast nur Masken zu sehen. Ein langer Zug mit Hochzeitsgästen formierte sich unter dem lauten Blubbern von Bulldogs, Geknall und Geschrei. Sogar ein Vetter aus China“ war gekommen, um dieses außergewöhnliche Ereignis nicht zu versäumen. In der Schaufel eines Schaufelbaggers schwebte ein besonders feines Pärchen. Zuschauer und Bettlerverwandtschaft wogten durcheinander, vor lauter Leuten waren die Häuser in Emmering kaum mehr zu sehen. Schalldorf hatten einen Wagen mit Hochzeitsgeschenken geschickt, die vor allem aus durchlöcherten Unterröcken bestanden.

Die Braut, Borisiana von der Hofburg (Liborius Trenkler), die wie ein alter Baum aussah, brachte allerhand in die Ehe mit. Zum Beispiel drei Kinder, die natürlich im Zug mitzogen und ein Plakat bei sich hatten: Mi der Pille wäre das nicht passiert“. Ein Wagen mit müden Hühnern und Karnickeln folgte, als der Zug sich unter Beifall endlich in Bewegung setzte. Selbst ein halbfertiges Haus, in dem das hohe Paar wohl später wohnen wird, wurde im Zug mitgeführt. Nur war von den Maurern nichts zu sehen. Ein Schild gab Auskunft: Still ruhet der Bau, die Maurer schlafen“. Die Maurer schliefen aber nicht, sondern kamen einen Wagen später und machten heftig Brotzeit. Viele andere Fahrzeuge schlossen sich an. Sogar die schnellste Feuerwehr, die in Emmering nach einem Brand eintraf, war mit dabei. Wahrscheinlich waren noch nie so viele Leute um einen Misthaufen versammelt als Brau Borisiana und Bräutigam Naziliki von der Hirschau (Ignaz Spötzl) das Podium auf dem Misthaufen erklommen. Aber zur Trauung kam es noch lange nicht. Hochzeitslader und Narren-Bürgermeister“ mussten dem traurigen Paar lange zureden, bevor sie sich doch noch nicht gleich entschlossen ihr Ja-Wort zu geben. Die fast zwei Meterlange Braut mit dem Holzfällergesicht bekam es nämlich plötzlich mit der Rührung. Dicke Tränen fielen auf das Publikum, als sie sich über das Geländer beugte.

Verzweifelt suchte der winzige Bräutigam sie zu trösten. Unaufhörlich schrie die nicht mehr junge Braut nach ihrer Mama. Aber die Mama konnte auch nicht helfen. Schließlich rückte der Bräutigam mit einer Leiter der Braut auf den Haut. Er legte sie an und kletterte zu seiner Braut empor. Diese mutige Tat brachte ihm die Sympathie der Zuschauer ein. Auch die Braut schien beeindruckt.


 
de wahrscheinli erste Girlbänd der Welt


Scheidung der Bettelhochzeit 1968 am 11.11.1979, SZ EBE

Am 11.11 um 11:11 Uhr

begann wie jedes Jahr die neue Faschingssaison. Viele haben es vielleicht gar nicht gemerkt. In Schalldorf allerdings konnte jeder der an der Gastwirtschaft Stechl vorbei ging, den Auftakt zum närrischen Treiben nicht überhören. Drinnen wurde gestritten und gelacht, dass man förmlich Angst haben musste, es drückt die Mauern nach draußen. Vor elf Jahren hatte Naziliki von der Hirschau seine um einen Kopf größere Borisiana von der Hofburg geheiratet.

Jetzt standen bei vor Gericht (Walter Czermak als Staatsanwalt und Johann Gambos als Richter), um die Scheidung zu erreichen. Beide Eheleute hatten sich eine Fülle von Eheverfehlungen zuschulden kommen lassen. Borisiana soll sogar ein läppisches“ (sprich: lesbisches) Verhältnis mit der Zeugin (Kathi Karl) gehabt haben, an der sogar Wachtmeister (Johann Egger) eine unsittliche Amtshandlung vornimmt.

Die Zuschauer im überfüllten Stechl-Saal hatten ihre Freude am Spiel aller (in weiteren Rollen: Martha Czermak, Franz Brunner, Martin Kirchlechner und Herbert Rott) und jetzt freut man sich schon auf die neue Bettelhochzeit, die am 10.2.1980 Höhepunkt der Faschingssaison werden soll.





Dem Ehemann a blau’s Aug’“ geschlagen  EZ

Pünktlich um 11.11 Uhr betrat das hohe Gericht“ unter den Klängen der Amtsgericht-Polka“, gespielt von der Emmering Junioren-Blaskapelle, die zum Gerichtssaal umfunktionierte Stube der Gastwirtschaft Stechl in Schalldorf. Dichtgedrängt saßen die Zuhörer, und viele konnten keinen Platz mehr finden. Denn das seinerzeit im Fasching 1968 auf Emmerings größten Misthaufen“ getraute Paar Naziliki von der Hirschau“ und seine um mehr als einen Kopf. Größere Angetraute Borisiana von der Hofburg“ sollte nach mehr als elfjährigen Ehekrieg“ geschieden werden.

Der Ehemann hatte den Scheidungsantrag gestellt und brachte als Begründung vor, er werde von seinem Eheweib – sofern sie überhaupt einmal daheim sei und nicht gerade im Wirtshaus hocke – ständig geschlagen, von das angeschwollene blaue Auge des Klägers sichtbares Zeugnis ablegt. Auch bekomme er nie etwas richtiges zu Essen, und seine Frau sei nicht zufrieden zustellen.

Diese Anschuldigungen wurden in der vom Oberamtsrichter“ (Walter Czermak) eröffneten Sitzung von der Zeugin Martine von Staudenberg“ (Martha Czermak) überzeugend erhärtet: Der Kläger sei in den elf Jahren der Ehe keinen Zentimeter gewachsen, weil ihn die vosuffane Kache schlecht g’fuadat“ habe. Statt die Post auszutragen, sei die Beklagte, von Beruf Postbote, immer den ganzen Vormittag im Wirtshaus gesessen, und die Leute hätten sich die Zeitung und die Post selber holen müssen. Auf die Übergröße der Beklagten anspielend, meinte die Zeugin, der Kläger hätte im Bett von der langg’haxaten Trud“ nichts vorgefunden ois wia lauter Hax’n“.
Der nächste Zeuge Martscholo von der Bettelumkehr“ (Martin Kirchlechner“ versuchte, die Angeklagte zu entlasten. Der Kläger habe das viele Geld, das seine Angetraute mit in de Ehe gebracht habe, samt und sonders voteifet“. Trotz vieler Worte – nicht einmal der richt kommt bei diesem Wortschwall noch zu Wort – kann die Zeugin (Kathi Karl), die mit der Beklagten in der Schule immer in der letzten Bank saß“ nichts wesentliches zu deren Entlastung aussagen, so dass die Ausführungen des Wildschützen Franzesko von der Auerbräu-Bruck’n“ (Franz Brunner) besonders Gewicht bekommen sollte. Er bringt zur Erhärtung seiner Aussage auch gleich den Beweis im Wagerl“ mit: ein ausgewachsenes, biertrinkendes Baby (Herbert Rott) in einem viel zu kleinen Kinderwagen. Der Vater – so der Zeuge – sei unbekannt. Doch als die Mutter sei die Beklagte Borisiana“ aufgrund einer Blutprobe, vorgenommen von einem Tierarzt in volltrunkenen Zustand, ermittelt worden.  

Da diese zu diesen Anschuldigungen nur fadenscheinige Entschuldigungen vor bringen kann, beantragt der Oberstaatsanwalt 50 Jahre Trennung von Tisch und Bett und nie wieder Verheiratung“. Der Oberamtsrichter verkündet schließlich das Urteil: Acht Tage lang muss die Beklagte vormittags vier halbe Bier trinken. Der Kläger kommt auch nicht ungeschoren davon: Wegen Vernachlässigung seiner Frau muss er fünf Maß Bier zahlen. Dann wird die Scheidung ausgesprochen und der neuen Bettelhochzeit am 10.2.1980 steht nichts mehr im Wege.






 
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